Rezensionen

 REGIOLITERATUR
- Bücher und Publikationen
aus der Region Mainfranken, Tauberfranken,
Badisches Frankenland, Württembergisch Franken,
Hällisch-Franken und Franken-Hohenlohe -

REZENSIONEN

Hier sollen immer nur einige der aktuellen Rezensionen von Buchveröffentlichungen aufgeführt werden. Die vollständige RegioLiteratur einschließlich rezensierter Alt-Bücher ist im pdf-Format erhältlich: hier klicken
 

Elmar Weiß: Wenkheim Ein fränkisches Dorf im Laufe seiner Geschichte. Herausgegeben vom „Verein zur Erforschung jüdischer Geschichte und Pflege jüdischer Denkmäler im tauberfränkischen Raum“ in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgruppe „Heimatbuch Wenkheim“, Wenkheim 2009.

Eine Ortschronik wie die von Wenkheim, von Elmar Weiß geschrieben, nimmt man gern in die Hand. Dieses Heimatbuch erfüllt die Aufgabe, deutsche Geschichte lokal erfahrbar zu machen und die besonderen Schattenseiten nicht auszusparen, sondern explizit darzustellen. Das war in den Dorfchroniken früherer Zeiten selten der Fall. Ab 1980 hat sich die Präsentation von Ortsgeschichte wesentlich verbessert, professionalisiert. Im Tauberfränkischen hat Elmar Weiß mit einigen seiner von ihm verfassten Ortschroniken wie die von Grünsfeld und Dittigheim dazu entscheidend beigetragen.

Erfreulich auch die Tonart, wie Weiß die Vorgänge des Bauernkrieges darstellt, die Gründe zum Aufstand werden nachvollziehbar, deutlicher, der Aufstand des gemeinen Mannes musste wegen der aufzuhebenden gesellschaftlichen Umstände nahezu zwangsweise kommen, war eine notwendige reformerisch-revolutionäre Bewegung mit weitreichenden Zielen einer christlich gestimmten Erneuerung. Auch die hin und her gehenden Ereignisse von Reformation und Gegenreformation, von denen Wenkheim in besonderer Weise betroffen war, werden ausführlich behandelt. Hier treffen unterschiedliche Motivationen der Ortsherren, der Lehensherren, des würzburgischen Domkapitels, der Wenkheimer Einwohner aufeinander – Raum für Toleranz war kaum vorhanden.

Weiß gelingt es immer wieder sehr gut, nach kurzer genereller Einführung in den größeren geschichtlichen Zusammenhang die lokalen Quellen zu fassen und zu interpretieren. Eine besondere Stärke von Elmar Weiß ist es, die Archivquellen von Wenkheim, die zahlreich vorliegen, zur Sprache zu bringen. Weiß ist ein echter Quellenforscher, aber er kapituliert nicht vor der Überfülle und verliert sich nicht in den Details, er zieht die geschichtlichen Fäden, kann auf das Wesentliche konzentrieren, strukturieren. Geschichte wird auch vom Interpreten gemacht.

Weiß zeigt auch für Wenkheim, dass mit der Niederlage der Bevölkerung im Bauernkrieg der Widerstandsgeist gegen die Herrschaft nicht völlig untergegangen ist, sondern sich nun auf die juristische Ebene verlagert hat. Es wurde kräftig gegen die Herrschaft prozessiert. Gern wird der Bauernschaft nachgesagt, mit der Niederlage im Bauernkrieg wären die Bauern über Jahrhunderte aus der gesellschaftlichen Bewegung ausgeschieden. Die Bauern blieben aktiv im Lokalen, im Kommunalen, im Ringen mit der Herrschaft um die Ordnung und deren Einhaltung, um eine schriftlich fixierte gemeindliche Polizei.

Weiß deutet auch den Status von Wenkheim als Minderstadt, d. h. ein Ort der zwar Tendenzen städtischer Funktionen aufwies, aber es nicht zu einer Stadterhebung schaffte. Dazu trug wohl bei, dass das benachbarte Neubrunn, zwar zur Stadt erhoben wurde, aber der deutsche Orden nicht zur städtischen Weiterentwicklung beitrug. Die Hund von Wenkheim hatten dadurch keine besondere Interessen mehr, ihren Ort „städtisch“ aufzuwerten. Ein typisch fränkischer Zug, einer Stadterhebung einer Territorialmacht, die Stadterhebung einer anderen Territorialmacht gegenüberzustellen, blieb aus.

Die Zeit des Nationalsozialismus wird ausführlich behandelt, mit vielen Bildern belegt, die den Nationalsozialismus im dörflichen Alltag zeigen. In der Obertorstraße wurde der „Stürmerkasten“ angebracht, mit dem die Einwohner schriftlich indoktriniert wurden. Bei anderen Anlässen erschien der Kreisleiter Dr. Schmidt persönlich in Wenkheim, wie immer auch in seiner auch für Nationalsozialisten peinlich übertriebenen Herrenmenschenart. Wenkheim hatte 1933 815 Einwohner, davon 511 evangelisch. Wie in fast allen evangelisch bemehrheiten Orten Tauberfrankens hatte Wenkheim recht früh einen hohen Stimmenanteil der NSDAP. Die Ausgrenzung der Wenkheimer Juden nahm immer größere Maße an. Der Bürgermeister erlaubte 1937 die Verbergung der Thorarollen im Friedhof. Dies wurde aber von Wenkheimer Nationalsozialisten entdeckt und insofern wurden die Thorarollen von ihnen ausgegraben. Aber es hat auch in Wenkheim den kleinen, den heimlichen Widerstand gegeben. Heute ist Wenkheim im Bezug auf die jüdische Kultur in Tauberfranken der einzige Ort, wo noch die drei wichtigen Stätten Synagoge, Mikwe und Friedhof zu finden sind. Zudem ist die jüdische Geschichte Wenkheims auch noch in einer anderen Publikation von Weiß, wenn auch inzwischen nicht mehr erhältlich, umfangreich behandelt worden. Die Synagoge Wenkheim ist wieder ein aktiver Posten in der dörflichen Kulturlandschaft Wenkheims geworden, mit zahlreichen Veranstaltungen.

 

Gerd Stühlinger, Johannes Georg Ghiraldin, Sarah Schroeder, Christoph Ries, Katja Rüger, Gunter Schmidt und Stefan Henninger (Projektgruppe Mahnmal, Herausgeber): Wegverbracht. Das Schicksal der Tauberbischofsheimer Juden 1933-1945. EINE DOKUMENTATION. Tauberbischofsheim 2009.

Der Spurensuche von Tauberbischofsheimer Jugendlichen verdankt sich diese Projektdokumentation über die jüdischen Bürger Tauberbischofsheims sowie die Aufstellung eines Mahnmals bei der Peterskirche und eines zweiten Memorialsteines in der zentralen Gedenkstätte in Neckarzimmern. Vier Jugendliche, Schüler des Gymnasiums, hatten ab dem Herbst 2007 die Initiative ergriffen, die die Erinnerung an das Schicksal von über 5500 Juden erneuern sollte, die am 20. Oktober 1940 nach Gurs (Südfrankreich) deportiert wurden.

Sie erinnert gleichzeitig an die große Lücke innerhalb der Tauberbischofsheimer Stadtgeschichte(n). Weder das Buch von 1955, noch das von 1997 haben eine besondere (eigenständige) Darstellung des Schicksals der Tauberbischofsheimer Juden geleistet. Der Initiative der Schüler ist es zu verdanken, das die Arbeit von Bernhard Müller „Juden und Judenpolitik in Tauberbischofsheim von 1933 bis 1945. Wissenschaftliche Arbeit zur Prüfung für das Lehramt an Gymnasien. Universität Heidelberg. 1980“ wieder entdeckt wurde, nachdem die Arbeit aus dem Stadtarchiv verschwunden war. Man konnte beim Autor Kopien der Arbeit ziehen! 1989 hatten sich Schüler des Gymnasiums mit der „Nacht, in der die Synagogen brannten“ mit den Tauberbischofsheimer Geschehnissen beschäftigt und konnten noch auf die Arbeit Müllers zugreifen (Siehe Schülerzeitschrift „Bullauge“, Nr. 17 von 1989, Seite 63f.). Diese einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, wäre eine wichtige Aufgabe!

Die Spurensuche der Jugendlichen brachte auch den amtsbürokratischen Jargon, der damals in Tauberbischofsheim herrschte, aus der Vergessenheit ans Licht. Die Deportation nach Gurs wurde dem kalten, zynischen Begriff „wegverbracht“ umschrieben. Abgedruckte Bilder in der Dokumentation zeigen die Unmenschlichkeit, mit der dabei vorgegangen wurde. Zwei Zeitzeugenberichte über die Vorgänge in Tauberbischofsheim liefert der Band, was seine Bedeutung unterstreicht, auch wenn von Schülern keine originäre Forschungsarbeit zu erwarten war. Der Wert liegt in der Spurensuche, in der Intention, in der Durchführung des Projektes, das zudem mit der Gestaltung des Gedenksteines durch Mitglieder des Tauberbischofsheimer Kunstvereins sich in die Erwachsenenwelt hinein erweiterte und breitere Kreise erreichte. Auch die notwendige finanzielle Unterstützung fand durch Tauberbischofsheimer Bürger und Verbände statt. In einer würdigen Feier in der Peterskirche wurde das Mahnmal der Tauberbischofsheimer Öffentlichkeit zugänglich gemacht, zudem fand eine Gedenkveranstaltung in Neckarzimmern statt.

 

Oliver Storz: Die Freibadclique. Roman. SchirmerGraf Verlag, München 2008.

Der Roman über die Freibadclique, bestehend aus fünf 15jährigen Gymnasiasten, handelt in der Kleinstadt Salzlach, unschwer als Hall erkennbar (Salz, Me 262 Montage, Fliegerhorst, nahe Heilbronn), in den Jahren 1944/1945, Kriegzeiten also, dem Endsieg zugesprochen, dem Finale des Dritten Reiches bestimmt. Schon im Roman „Die Nebelkinder“ spielte das Freibad, pubertär-erotische Jugendträume eine große Rolle, typische Sommerzeit in einer Kleinstadt, eher erstaunlich für die NS-Zeit. Storz gelingt es wieder mit furiosem Wortwitz die letzten NS-Jahre zu charakterisieren, die Wirren der ersten US-Besatzungszeit zu schildern. Jazz-Musik gegen die vereinnahmende Marsch- und Opfermusik, gegen Opferaufforderungen der Nazis für Führer und Volk zu sterben. Versuche einiger Jugendlicher sich den permanenten Werbebemühungen der SS zu entziehen, den Schuljahrgang 1929 einzukassieren. Diese SS-Werbekampagnen und Fluchtversuche Jugendlicher vor dieser Vereinnahmung hat auch schon Walter Hampele für den hällischen Raum 2004 beschrieben (Unter bewölktem Himmel). Der Pathos von Führer und Volk geht an der Freibadclique vorbei, verblasst gegen über den jungerotischen Phantasien, Bedürfnissen. Nach Schanzarbeiten am löchrigen Westwall werden einige Jungs der Freibadclique schlecht ausgebildet an die nahe Front bei Crailsheim geschickt, in der Einheiten der Waffen-SS das deutsche Volk terrorisieren, Verwüstungen von Dörfern und Kleinstädten verursachen, aufgegriffene Deserteure massenweise an Bäumen hängen, den Vormarsch der US-Amerikaner einige Zeit verzögert hatten. Den Jungs gelingt schnell die Flucht von der Front, die von völliger Auflösung gekennzeichnet ist und sie kehren heim in ihre Kleinstadt, die Waffen wegwerfend. Bald nehmen die US-Amerikaner die Kleinstadt ein, errichten dort eine Garnison, besetzen die Leerstelle der Me 262 Piloten, die bei der Haller Frauenwelt erfolgreicher als mit ihrer Wunderwaffe waren. Fraternisierung, Schiebereien, Displaced Persons, amerikanische Filmkultur und Waren, Hemingway, Spannungen und Schlägereien zwischen weißen und afro-amerikanischen Soldaten zeichnen diese Übergangsphase, die für die durch Verluste dezimierte Freibadclique mit dem neuen Schuljahr und alten Lehrern endet. Nichts unbedingt Neues von Oliver Storz in diesem dünnen Bändchen. Themen, die Storz auch in seinen Filmen (z. B. Drei Schwestern Made in Germany) immer wieder aufgegriffen hat, aber der exakt nachzeichnende Sprachreichtum, die besondere Detailgenauigkeit, die vielfältigen Schilderungen der kulturellen Milieus in diesem Roman, das kann Storz wie kaum ein anderer und wieder ist der hällisch-fränkische Raum um ein Meisterwerk reicher geworden.

 

Wolfgang Stahnke: Der schwarze Fluss. Ein Taubertal-Krimi. Silberburg-Verlag. Tübingen 2008.

Die umfassende Wiederentdeckung des sich selbst besinnenden Regionalen ist nicht einfach eine Wiederkehr des bäuerlich Ländlichen bzw. des agrarisch-tradierten Vergangenen. Vielmehr eine wahrzunehmende Widerspiegelung der in den letzten 30 Jahren vollzogenen sozio-kulturellen Ausdifferenzierungen und der emotionalen Aufwertung regionaler Lebenswelten! Damit eröffnete sich der erweiterte Raum, in dem einheimische Autoren sich lokalen und regionalen Themen widmen können, ohne in banalen Heimatkitsch verfallen zu müssen. Der Hinweis sei hier erlaubt, dass manche sozialkritische Romane der (Welt)Literatur vielfach auch immer eine regional verortete Basis hatten (Schönes Beispiel Hans Falladas Bauern, Bonzen und Bomben oder aus unserer Region Leonhard Frank, Ochsenfurter Männerquartett). Neben den historisch angelegten Regional-Romanen (Gute Beispiele: Ulrike Schweikert mit die Tochter des Salzsieders, das Kreidekreuz) bieten sich vor allem Krimis an, regionale Geschichtchen und lokal bekannte Ereignisse einzubauen, alltägliche Realität und fiktive Montage miteinander zu verschmelzen. Nicht alles, was da aufkommt, ist auch wirklich gut, aber die Chance zur Einbindung von Regionalität war noch nie so groß wie heute. Regionale und lokale Themen bieten vielen Autoren als neues Potential gesteigerte Chancen sich in einer Publikation (zum ersten Mal) zu verewigen, die eigene Selbstentdeckung als Autor an einem lesenden Publikum oder an den Maßstäben eines Kritikers zu messen, messen zu lassen. Da geht zwar mancher Autor schnell auch wieder über den Jordan, doch erstaunlich viel bleibt übrig, bereichert nun die Region. Das Regionale, das Lokale fördert eindeutig das Autorendasein, kann sich doch auch der Autor regional und lokal absichern und damit besser und souveräner auf neues Terrain hineinwagen.

Wolfgang Stahnke stemmt mit dem Taubertal-Krimi „Der schwarze Fluss“ erfolgreich und regional thematisch weiter entwickelt sein Zweitlingswerk. Wiederum insgesamt gekonnt und gelungen die Anlage und Spannungssteigerung seines Krimis. Anspielungen auf tauberfränkische Personen, Orte, Histörchen zuhauf werden eingebracht und geben dem Krimi das, was man auch von einem Taubertal-Krimi anfordern darf: deutliche Verortung der Ereignisse, heimischer Klang, Wiederkehr eigener regionaler Wahrnehmung (Einige Beispiele seien aufgeführt: Bekannt ein Landtagsabgeordneter, immer grinsend in die photographische Linse schauend; ein Landrat mit suboptimaler körperlicher Größe – als Zwergriese betitelt; ein Bürgermeister, dem noch das in diesem Amt geforderte diplomatische Geschick fehlt; die Flüchtlinge nach dem 2. Weltkrieg, auf dem Wertheimer Reinhardhof abgelagert, zunächst ohne Akzeptanz bei den Einheimischen; die nahezu öffentliche Tötung einer jungen Frau durch fünf junge Männer in Tauberbischofsheim; der Weingenuss von Tauberschwarz; Reflektion über die etymologische Herkunft des Namens „Tauber“; siedlungshistorische Verweise auf die Schnurbandkeramiker usw.). Dazu baut Stahnke eine schriftstellerische Parallelwelt auf, deren Spuren im Realen teilweise nach verfolgt werden können, um sie auf ihre eigentliche Abstammung abzuklopfen, die Verfremdung durch den Autor abzulegen. Man merkt dem Autor die lange Verbundenheit mit der tauberfränkischen Region an, auch wenn er nicht in dieser geboren wurde. Der damit möglich gewordene Außenblick eines in der Region Wohnenden und Arbeitenden auf die eigene Region erleichtert kritischere Einsichten.

Ein Rätsel beladener Selbstmord eines bekannten Bad Mergentheimer Urologen in der Nähe des Marstadter Sees führt zum fiktiven Städtchen Ichenstadt im Taubertal. Vier Schüler haben dort 1981 eine Schülerin vergewaltigt und der Selbstmörder war einer von ihnen. Die Tat wurde vertuscht, gehörten die Schüler doch zur Honoratiorenschaft des Ortes. Nun holt die Vergangenheit die Vergewaltiger wieder ein, von denen einer bereits gestorben ist. Einer der damaligen Vergewaltiger stürzt sich auf der Königshöfer Messe vom Riesenrad. Stahnke versteht es geschickt vielfältige, nicht vorschnell erschließbare Spuren zu legen, unerwartete Wendungen der Geschichte vorzunehmen. Etwas unglaubwürdig allerdings ist, dass die Ursacherin des Selbstmordes und des unvorteilhaften Abhebens vom Riesenrad – die Mutter der Vergewaltigten, die aufgrund psychischer Nachwirkungen der Vergewaltung freiwillig aus dem Leben schied -, zur Handlungsebene 2007 ca. 66 Jahre alt (1959 geheiratet, Alter gesetzt mit 18, macht Geburtsjahr 1941, d.h. im Jahr 2007 66 Jahre alt), mit Perücke versehen, stark geschminkt, mit Glitzer-Jeansjacke auf der Königshöfer Messe umherzieht, Geisterbahn und Riesenrad fährt, mit einem 44-Jährigen knutscht - Oralsex wird angedeutet -, der sich dann Drogen beeinflusst aus dem Riesenrad wirft? Auch wenn diese Person, ein Journalist eines Lokalblattes aus Tauberbischofsheim, schizophren war, machtbesessenen Anflügen unterlegen war, war er auch im Suff und Drogenrausch völlig blind? Auch in einer postpostmodernen Zeit, in der aufgeputschten Stilvielfalt des alles durcheinander Möglichen mehr als verwunderlich. Völlige Grenzüberschreitung? Hat hier der Autor nicht richtig zusammengezählt bzw. zusammenkombiniert? Schon ziemlich am Anfang des Krimis führt Stahnke Traute Sack als weit über sechzig hinaus, dennoch mit schlankem, beweglichen Körper und jugendlichem Gesicht ein. Die zudem einmal von einem Schüler vor nicht allzu langer Zeit für ein junges Mädchen gehalten wurde. Nehmen wir das hin, heutzutage ist mehr möglich als man selbst glaubt. Die Älteren werden wohl immer jünger und sportiver, zumindest teilweise. Erinnern wir uns des Spruches aus Wilhelm Weigandts Frankenthaler, dass eine Weingegend auch immer besondere Frauen hervorbringt!

Wie fiktiv ist Ichenstadt? Der erste Direktor des städtischen Gymnasiums tritt 1972 seinen Dienst an. Es gibt ein Ober- und Unterichenstadt. Hinweise, die durchaus – mit groben Maßstab gemessen - auf Lauda passen können, denn das Gymnasium Lauda wurde erst 1968 gegründet. Dazu passen würde, dass laut Roman der Onkel des Direktors Autor der Laudaer Stadtchronik, Karl Schreck, war. Der Vorsitzende des Ichenstadter Heimatvereins gibt an, er hätte an der Neuherausgabe von Josef Dürrs Gedichten mitgewirkt, rückt also bei Verortungsversuchen in Richtung Tauberbischofsheim. Ichenstadt gleicht einer fiktiven Baustelle, die mit real-lokalen Puzzleteilen geschmückt wird, die nicht völlig kongruent sind.

Wieder ist der Fahrrad fahrende, gern Hektik reduzierende Journalist Faber die tiefgründige weil tief grabende Hauptperson des Kriminalromans, der mit seiner Spürnase die dunklen Vorgänge aufklärt und der behäbigen Mergentheimer Polizei immer wieder voraus ist. Zudem er ein gut funktionierende Informantennetz aufgebaut hat. Der tauberfränkische Autor Carlheinz Gräter, selbst aus Bad Mergentheim stammend, wird als Freund des radelnden Lokaljournalisten Fabers benannt. Gräter, in jungen Jahren als Lokaljournalist im Mergentheimer Raum unterwegs, auf und mit dem Fahrrad (Fabers Vorbild?), verdeutlicht, dass auch aus einem Lokaljournalisten etwas Bedeutendes werden kann, wenn er den lokaljournalistisch gesetzten Radius überschreitet.

Die Schreibe Stahnkes insgesamt ist also gut und seinen Krimi nimmt man vorbehaltlos in  die eigene Bibliothek des Lokalen und Regionalen auf. Stahnkes kriminale Energie reicht, wie man gern liest, für einen dritten Band seiner Taubertal-Krimis. Ob Bad Mergentheim wieder als mörderischer Bezugspunkt herhalten muß?

 

Jonathan Littell: Die Wohlgesinnten. Roman. Berlin Verlag, Berlin 2008

Dieses voluminöse, aber auch nahezu monströse Buch mußte geschrieben werden. Sind wir auch fähig es zu lesen? Es zieht uns hinein in die deutsche, in die nationalsozialistische Vernichtungspolitik, aus der gnadenlosen Täterperspektive auf schrecklichste Weise und Tätersprache mitgeteilt. Feingefühl, Mitleid, sprachliche Schönheit kann dabei nicht erwartet werden. Aber dafür ein bedeutsamer Einblick in die Täterwelt, Täterlogik, Täterstrukturen, die in ihren widersprüchlichen Wirkungen, oft banalen Alltagen beschrieben werden. Das aufreibende, in Kleinkämpfe verwickelte Nebeneinander der nationalsozialistischen Machtstrukturen, die Konkurrenzkämpfe der um ihren Einfluß besorgten NS-Organisationen, die unterschiedlichen Ausformungen der nationalsozialistischen Weltanschauung, primitiver Antisemitismus und bürokratisch-rationell planende jungen Verwaltungsangehörige vermischen sich in diesem Roman zu einer bisher so noch nicht vorzufindenden nahezu intensiven Beschreibung des nationalsozialistischen Vernichtungsapparates. Littell ist auf der Höhe der Zeit, er synthetisiert den Forschungsstand in seinen Roman. Er macht auch deutlich, wie Teile der jungen deutschen Intelligenz mit antibürgerlicher Haltung in der nationalsozialistischen Weltanschauung Halt finden und nahezu gefühlsarm ihre Arbeit zur Vernichtung der europäischen Juden verrichten konnten. Mit drastischen Kunstgriffen verhindert Littell Identifikationen mit dem Ich-Erzähler Max Aue: Ein düsterer Morast aus brauner Scheiße, Sex, Masturbationsphantasien, Gewalt, Morde, Inzest breitet sich vor dem Leser aus.

Wer waren diese meist jungen SS-Offiziere, die die bürokratischen Vorbereitungen und Anordnungen organisierten bzw. vorort durchführten? Woher kamen sie? Mit dem aus dem unterfränkischen Gauort Geroldshausen stammenden Stationsarzt von Auschwitz Dr. Eduard Wirths führt Max Aue einige Gespräche zur Analyse, wie jüdische Arbeitskräfte produktiver für die deutsche Kriegsindustrie, unter Arbeitskräftemangel leitend, eingesetzt werden können. In diesen Gesprächen offenbart sich die eiskalte Logik des SS-Vernichtungsapparates. Werden die medizinischen Bedingungen für die Häftlinge verbessert, größere Essensrationen ausgeteilt, können die Häftlinge auch besser die gestellten Arbeitsanforderungen aushalten, sterben sie nicht zu schnell wie bisher. Eine Haltung, die allerdings von brutalisierten, völlig enthemmten Teilen des SS-Apparates nicht geteilt wird, die die Endlösung der Judenfrage forcieren wollen.

Littells Buch ist kein Buch, das Hoffnung ausströmt, aber es ist das Buch, das mit hoher Intensität die nahezu unbeschreibliche Wirklichkeit der NS- und SS-Organisationen darstellen kann. Ein literarischer Genuß ist dabei nicht erwartbar und aufgrund des mörderischen Themas nicht möglich. Die deutsche Buchkritik tut sich mit diesem Buch schwer, aber wie könnte uns dieses Buch es uns auch leicht machen?

 

Carlheinz Gräter, Jörg Lusin: Kirchen, Klöster und Kapellen in Hohenlohe. Geschichte und Geschichten. Silberburg-Verlag. Tübingen 2007

Nach den Schlössern widmen sich nun die beiden in Bad Mergentheim geborenen, in Würzburg lebenden Autoren den Kirchen, Klöster und Kapellen im Hohenlohischen und darüber hinaus. Der Band ist weit mehr als eine reine Kirchenschau, mehr als eine kirchengeschichtliche Präsentation der Sakralbauten im schlösserreichen Hohenlohe. Der Band umfaßt kurz gehaltene regional- und lokalgeschichtliche Darstellungen, die gut lesbar sind und auch viel Neues bieten. Nicht nur die Stuppacher Madonna von Grünewald, der Riemenschneider-Alter der Creglinger Herrgottskirche, das mittelalterlich befestigte Kloster Comburg oder der sakrale Herrschaftsbau des Klosters von Schöntal als echte hohenlohisch-hällische Highlights werden erwähnt, sondern auch Entdeckenswertes wie die oft übersehene Kapelle St. Wendel am Stein bei Dörzbach im Jagsttal, der immer noch rätselhafte „steinerne Exorzismus“ der Oktogonkapelle St. Sigismund bei Oberwittighausen.

Deutlich werden die Unterschiede in der hohenlohischen Sakrallandschaft, die aufgrund des Protestantismus der Grafen von Hohenlohe in den Kirchenräumen, in der Kirchengestaltung weniger prächtig ausgestattet wurde als die angrenzenden bzw. eingesprengelten katholischen Herrschaften von Würzburg und Mainz. Auch wenn Hohenlohe eine Bauernkriegslandschaft ist, fanden in Hohenlohe selbst in der reformatorischen Nachfolge kaum Bilderstürme mit Zerstörungen des Kircheninventars statt. Der in Hall wirkende junge gemäßigte Reformator Johannes Brenz empfand „die Bilder sind Gottes Wort nit allein onhinderlich, sonder demselben gemäß und seiner Gestalt fürderlich.“ Der in Creglingen 1505 von Riemenschneider geschaffene Altar verschwand schon 1530 hinter einer Bretterwand, nachdem der Ansbacher Hofprediger gar die Schließung der Wallfahrtsstätte gefordert hatte.

Der Blick beider Autoren reicht über den Kirchturm hinaus und lässt immer wieder Regionalgeschichtliches oder lokale Geschichte einfließen, da sich Kirche, Ort und Landschaft immer wieder treffen. So beispielsweise in Forchtenberg (Kochertal), wo Hans und Sophie Scholl ihre Kindheit verbrachten, im Pfarrgarten spielten, die Familie Scholl mit dem dortigen Pfarrer befreundet war, wo 2006 ein „Hans und Sophie Scholl-Pfad“ mit Stationen ihrer Kindheit angelegt wurde. Die Autoren beziehen auch Friedhöfe und die Synagoge von Michelbach an der Lücke in ihre kulturgeschichtlichen Betrachtungen ein. So finden sich auf dem Dorffriedhof von Steinkirchen am Kocher „bemerkenswerte“ Gräber: Begraben liegen dort der konservative Essayist Gerhard Nebel, FAZ-Schreiber, Heinrich Bölls Deutschlehrer, der Literaturkritiker Helmut M. Braem, über den Hermann Lenz in einer Erzählung geschrieben hat. Dass aber Mörikes Wermutshausen ausgespart bleibt, ist allerdings überraschend. Ein Band, der dem Erkundungsmotto „Kirchen von außen, Wirtschaften von innen“ entschieden entgegensteht!

 

Jens Becker, Harald Jentsch: Otto Brenner. Eine Biografie. Steidl Verlag, Göttingen 2007.

Zum hundertsten Geburtstag von Otto Brenner veröffentlichte die Otto Brenner Stiftung der IG Metall drei Bände zu ihrem früheren Vorsitzenden, der wesentlich die deutsche Gewerkschaftsarbeit nach dem zweiten Weltkrieg prägte. Leider gibt es für einen der gleichberechtigten, ersten Vorsitzenden der IG Metall, dem aus Tauberbischofsheim stammenden Hans Brümmer, bisher keine entsprechende Würdigung, sind die Publikationen über Hans Brümmer sowieso ziemlich rar. In Tauberbischofsheim bisher völlig vergessen, ungeehrt, unerinnert, vergessener als vergessen. Ein Skandalosum, aber typisch für hinterländische Kleinstädte, fortschrittliche Söhne faktisch auszubürgern! Einschränkend darf eingeworfen werden, dass auch die lokale IG Metall und SPD ihren wichtigsten Sohn, ihr wichtigstes Mitglied ignorieren, besser auf den Punkt gebracht gar nicht kennen. Geschichtliches Bewusstsein auf niedrigstem Level.

Die Bedeutung der „linken“ IG Metall für die Entwicklung der BRD als eine der größten Gewerkschaften der Erde muß nicht mehr besonders hervorgerufen werden: Streiks für die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Einführung der 40-Stunden-Woche, Kampf gegen die Notstandsgesetze 1968 sprechen für sich. Die Biografie Brenners gibt uns als am Tauberfränkischen Interessierten Möglichkeiten, dem Wirken von Hans Brümmer in der IG Metall nach dem Zweiten Weltkrieg näher zu kommen, auch wenn es an der Politik Brümmers von Brenners Seite aus nicht immer Streicheleinheiten gab. Vorsichtige Kritik brachte der „eiserne“ Otto am Verhalten der IG Metall Bundesvorsitzenden Hans Brümmer und Walter Freitag vor, im Sommer 1951 den streikenden hessischen Metallarbeitern eine Erhöhung des Stundenlohnes von 6 Pfennige zu vereinbaren, obwohl die IG Metall in Hessen 12 Pfennige forderte, obwohl die hessischen Arbeiter weiterhin streikbereit waren, trotz hoher damaliger Arbeitslosigkeit.

Der 1886 in Tauberbischofsheim geborene Brümmer schlug 1952 vor, den Hannover Bezirksleiter Brenner nach Frankfurt in den IG Metall Hauptvorstand zu holen. Brümmer hoffte, Brenner als seinen Stellvertreter und als seinen Nachfolger einarbeiten zu können. Brümmers Versuch, Brenner als stellvertretenden, nicht als gleichberechtigten Vorsitzenden zu wählen scheiterte. Am 17. Dezember 1952 wurde Brenner zum gleichberechtigten Vorsitzenden der IG Metall gewählt. Nach einem Memorandum von Siegfried Neumann schlug Brümmer allerdings Brenner in der Absicht vor, um „selber regieren“ zu können. Ein Urteil, dass für einen 66jährigen wohl nicht mehr unbedingt zutreffen muß, obwohl Brümmer bis 1956 seine Funktionen ausübte. Brümmer und Brenner, ursprüngliche SPD-Mitglieder, verließen diese und kehrten in die Mutter der deutschen Arbeiterpartei wieder zurück. Im Konflikt mit der DDR gesteuerten KPD zeigten sich beide als harte Vertreter des Einheitsgewerkschaftsprinzips, wohl aus der Erfahrung der Weimarer Zeit heraus. Allen Mitgliedern der KPD, die „Funktionäre unserer Organisation sind oder es werden wollen“ wurde ab Mai 1953 eine von Hans Brümmer und Otto Brenner unterzeichnete Erklärung zugesandt, die eine Loyalitätserklärung gegen über der IG Metall abverlangte. Ursache war die These 37, die auf einem Parteitag der KPD verabschiedet wurde und als Unterwanderung der Gewerkschaft aufgefasst wurde. Insofern löste das KPD-Verbot von 1956 bei den Gewerkschaften keine Protestbewegung aus. Das Einheitsgewerkschaftsprinzip rigide eingehalten, verkrustet gehandhabt, stand allerdings Jahrzehnte später dem Pluralismus, dem Multikulti-Prinzip entgegen, so kam auch die Unterstützung gegen die Daimler-Benz Teststrecke bei Boxberg mehr aus den Arbeiterkräften, die oppositionell gegen die gewerkschaftliche Majorität im Daimler Betriebsrat agierten.

1955 waren gewerkschaftliche Großkampftage: Brenner kämpfte gegen den „Mythos der Sozialpartnerschaft“, gegen die Tendenzen, das Mitbestimmungsrecht der Gewerkschaften in der Montanindustrie zu verlieren, gegen die Absicht der Bundesregierung staatliche Schlichtungen bei Tarifauseinandersetzungen zu etablieren. 1956 brachen die Spannungen zwischen Brenner und Brümmer offen auf, insbesondere bei den Beratungen über das Bremer Arbeitszeitabkommen. Brümmer erkrankte, resignierte und verzichtete auf eine weitere Kandidatur zur Wiederwahl als Vorsitzenden. 1961 wurde das Vorstandsmitglied der IG Metall und gleichzeitig Chefredakteur der Gewerkschaftszeitung „Der Gewerkschafter“ Kuno Brandel unter Einfluss von Otto Brenner entmachtet. Ein für die IG Metall erstaunlicher Vorgang, schieden doch ansonsten Vorstände nur durch Tod, Krankheit oder altersbedingt aus. Hans Brümmer bezweifelte das Recht des Beirates, Kuno Brandel aus seinen Ämtern zu entsetzen. Die Autoren urteilen über Hans Brümmer, dass er zusammen mit Walter Freitag die IG Metall zwar solide, aber ohne Fortune geführt hatten. Die volle Machtentfaltung der IG Metall gelang erst unter der Führung von Otto Brenner. Dies ist allerdings kein Grund, den Tauberbischofsheimer Gewerkschaftsführer Hans Brümmer nicht zu ehren, weiterhin nicht zu würdigen, in seiner Geburtsstadt weitgehend zu ignorieren!

 

Klaus Gasseleder: Zwischen Kuhschnappel und der Thebaischen Wüste. Neue Blicke auf die Literatur in Franken
Vetter Verlag, Geldersheim 2007

Der wichtige Sammelband von Klaus Gasseleder, der einige seiner Rundfunkbeiträge, Artikel für Zeitschriften, Vorträge, extra für die Veröffentlichung geschriebene Arbeiten zusammenfasst, ist mehr als ein kritischer Blick auf die Literatur in Franken. Es sind vielfältige Blicke auf Franken, auf Literatenleben in Franken, auf Dörfer, Kleinstädte und Lebenswelten in fränkischen Landen. Der Autor verweigert sich jeglicher Lobhudelei auf Franken, auf den oder die Franken, Franken wird als erzeugtes Konstrukt entlarvt, dekonstruiert. Gasseleder ist allerdings kein Frankenverachter, sondern es tritt die paradoxe Situation des wissenden Frankenkenners auf, der sich nicht in einer Heimat voller (falscher) Freunde ersticken läßt, sondern immer wieder distanziert das fränkische Sujet anschreibt, bearbeitet, in seinen Widersprüchen offen legt und damit mehr für Franken, für die Literatur in Franken erreicht, als jeder das Fränkische Hochleben-Lassende.

Was ist Franken, was macht Franken zu Franken, was macht den Franken zum Franken? Fragen, die Gasseleder tief einschneidend angeht. Er löckt gern den Stachel gegen eingeschliffene Frankenbilder, festgefahrene Selbstbilder und immer wieder wiederholte Allgemeinplätze des Fränkischen (an sich). Es gibt zwar die vielfachen fränkischen Dialekte, aber was und wo ist Franken? Ist es etwa nur die durch die bayerische Obrigkeit definierte Verdrittelung in Ober-, Mittel- und Unterfranken? Da bleiben die Franken außerhalb Bayerns außen vor! Was ist das Gemeinsame von Wein- und Bierfranken? Nicht einmal die Bratwurst? Aus der Vielfalt der fränkischen Landschaften, der naturbürtigen Ausstattungen und der landwirtschaftlichen Bewirtschaftungsweisen ergibt sich nicht die fränkische Identität. Gezielt weist Gasseleder auch bei den oft als Beispiel für fränkische Architektur gepriesenen Bauten von Balthasar Neumann hin, dass dieser aus dem Egerland stammte, auch wenn er im Würzburger Umkreise seine Akzente setzte.

Gibt es eine fränkische Literatur oder ist es eher Literatur in Franken? Gasseleder wendet sich gegen eine fränkische Identität, gegen eine fränkische Literaturgattung. Leicht hatten es die Literaten in Franken nicht, wie Gasseleder am Beispiel des 1853 in Bad Kissingen geborenen Oskar Panizza offen legt, der mit dem bayerischen Staat und dem Kaiserreich scharf ins literarische Gericht ging, den altgläubigen Katholizismus immer wieder engagiert angriff, was ihm wiederholt die staatliche Verfolgung und die Einweisung in die Psychiatrie einbrachte. Trotz Panizza lobender Stimmen von Kurt Tucholsky, Walter Benjamin, Theodor Fontane oder Heiner Müller verweigerte sich der CSU-Oberbürgermeister von Bad Kissingen dem angetragenen Anliegen, nach dem vergessenen Sohn der Stadt eine Straße zu benennen, mit der Antwort, daß man einem Gotteslästerer keine Straße widmen könne. Eine für weitere Autoren in Franken vergleichbare Entwicklung zeichnet Gasseleder bei dem aus Gnodstadt bei Marktbreit stammenden Dichter Michael Georg Conrad nach, der zunächst eine Lehrerlaufbahn einschlug. Den Werken Emile Zolas, dem Naturalismus zugetan, verfaßte Conrad einige Erzählungen und Novellen, war er bei den Liberalen aktiv, gründete er die Gesellschaft für modernes Leben. Mit zunehmenden antisemitischen Tönen, verstärkter Großstadtfeindlichkeit wandte er sich der Heimatkunstbewegung zu (Roman Der Herrgott am Grenzstein, 1904) und versank dann - wie Gasseleder urteilt - „gänzlich zum epigonalen, national gestimmten Provinzautor“ herab, mit Blut und Boden Gedanken durchtränkt. Den Aufprall von städtisch geprägter Urbanität und dörflichem Eigensinn beleuchtet Gasselder in der Analyse der „Ballade von der Minenwippe“. Die Lyrikerin Helga M. Novak, einige Jahre in einem unterfränkischen Dorf wohnend, nahe der Grenze zur damaligen DDR, erlebte während der Fußballweltmeisterschaft 1974 die Fremdenfeindlichkeit des Dorfes, indem einer Person, mit ihr im selben gemeinschaftlichen Haushalt, von betrunkenen Dorfwirtschaftsgängern angedroht wurde angesichts einer zu geringen emotionalen Betroffenheit am Tag der 0:1 Niederlage gegen die DDR, mit ihm Minenwippe zu spielen, das heißt, ihn über die Grenze in den Minenstreifen zu werfen. Die Verarbeitung des Vorgangs in einem Hörstück, das im Bayerischen Hörfunk gesendet wurde, erregte den Protest eines Heimatpflegers, eines Journalisten und des Landrats, während den Dorfbewohnern die Sendung wohl entgangen war. Schon Jean Paul klagte, dass die Seitenhiebe, die er in seinen Werken Hof versetzte, von den Hofern wohl überhaupt noch nicht gelesen worden waren. Gasseleder weist daraufhin, das neben dem dörflichen Unverständnis über die zugereisten Städter ein Nichtverständnis der Städter für die einheimische Bevölkerung zu konstatieren sei, wie z. B. der pauschalisierte Faschismusverdacht. Er plädiert dafür, im dörflichen Leben die unterschiedlichen Dorfkulturen zu akzeptieren und zu vermitteln zu versuchen. Wenig Glück hatte auch Friedrich Hölderlin als Junglehrer im unterfränkischen Waltershausen, wo er im Schloss derer von Kalb den zunehmend störrischen Sohn erziehen sollte, daran pädagogisch scheiterte, da er wohl lieber seinen dichterischen Neigungen nachgekommen wäre. Der literarische Ertrag seiner Zeit in Franken blieb so gering.

Als literarischer Spaziergangswissenschaftler zeigt sich Gasseleder bei der Betrachtung von August Graf von Platen, Jean Paul und Friedrich Rückert, die sich als sehr lauffähig erweisen, jenseits der stilisierten Stubenhockerei und beachtliche Tagesstrecken hinter sich bringen, die Gasseleder fast minutiös nachzeichnet, so daß man heute fast Dichterwege anlegen könnte. Gehen, Spazierengehen, Flanieren, Wandern, die Verlangsamung der Bewegung ist gleichzeitig auch Quelle genaueren Hinsehens und Nachdenkens über das gerade Gesehene, die der raschen Verflüchtigung des kurzen Augenblicks entgegenwirkt. Von Platen kreuzt dabei auch mehrfach den tauberfränkischen Raum. Dem fränkischen Dorf im Roman und in der Mundart widmet sich Gasseleder in einigen Aufsätzen, dabei auch den hohenlohischen Autor Gottlob Haag erwähnend, unter anderem wegen seiner mundartlichen Beschäftigung mit der Zeit des Nationalsozialismus. Dass das System der fränkischen Kleinstadt nicht ausstirbt, untersucht Gasseleder in seinen fränkischen Kleinstadtnotizen. Er bescheinigt den Kleinstädten eine erstaunliche Flexibilität „Neues aufzunehmen und dem alten einzuverleiben“. „Längst stimmen die so liebgewordenen Zuordnungen von Stadt und Land, Metropole und Peripherie nicht mehr, sondern es ist ein vielfaches Nebeneinander verschiedener Lebensstile entstanden, wobei das äußere Erscheinungsbild der kleinen Stadt, ihre Größe, ihr Alter, ihre soziale Struktur, ja auch ihre regionale Zugehörigkeit eine immer geringere Rolle spielt.“ Eine zentrale Position in diesem Aufsatz nimmt das Vor-Bild aller Kleinstädte Rothenburg ein, deren Entdeckung Gasseleder zitatreich dokumentiert. Die heutige Kleinstadt positioniert er zwischen Provinz und globalem Dorf. Sollte nicht auch von der globalen Kleinstadt gesprochen werden, fragt Gasseleder. Einen wichtigen Aspekt der literarischen Betrachtung der fränkischen Kleinstädten wirft Gasseleder noch auf: „Nahezu alle Kleinstadt-Geschichten Frankens spielen, wenn nicht im 19. Jahrhundert, dann zwischen dem ersten und zweiten Weltkrieg und den ersten danach.“ Eine Vernachlässigung, die angesichts des vollzogenen Wandels der Kleinstädte nach 1945 kaum verständlich ist.

Diesen Band nimmt man immer wieder gerne in die Hand, denn dank des Sammelbandcharakters läßt sich in ihm blättern und selektiv lesen, neu ansetzen zur Lektüre. Leider hat der Autor angekündigt, mit diesem Band seine Beschäftigung mit fränkischen Themen abschließen zu wollen. Ein echter Verlust für Franken zeichnet sich damit ab, denn wenn die Gasselederschen Miniaturen sich auch gegen eine fränkische Identität wenden, sie helfen dabei, sich mit dem Fränkischen in seiner Vielfalt zu identifizieren, kritische Blicke auf Franken zu werfen, Geschichte und Geschichten in Franken verstehen zu lernen. Da Gasseleder sich bisher wesentlich – bis auf wenige Ausnahmen – auf das bayerische Franken konzentrierte, fehlen die Gasselederschen Streifzüge in das badische und württembergische Franken, die sich sicherlich noch gelohnt hätten.

 

Staatliche Kunsthalle Karlsruhe: Grünewald und seine Zeit. Große Landesausstellung Baden-Württemberg. 8. Dezember 2007 - 2. März 2008. Katalog. Staatliche Kunsthalle Karlsruhe / Deutscher Kunstverlag München/Berlin 2007

Die Tauberbischofsheimer Kreuzigung. Das wahre Meisterwerk von Matthias Grünewald, genauer von Mathis, dem Maler! Jesus, übergroß, ans Kreuz genagelt, zwischen Maria und Johannes. Der geschundene Körper Jesus, die surrealistisch verdrehten Beine, im Maßstab vergrößert gegenüber der Darstellung von Maria und Johannes. Der schmerzverzerrte Blick geht nach unten, die Hände durchbohrt, greifen, zeigen nach oben, wirken antithetisch. Das Lendentuch Jesus zerfetzt! Zerfetzt? Wer trägt zerfetzte Kleider, ramponierte Kleidung, durchlöcherte Kleidungsstücke?

Die Mutter Jesus, aus dem überprächtigen Sonntagsstaat der Stuppacher Madonna, aus dem „Sommeridyll des Kleinbürgerfriedens von Stuppach“ (Zülch) zurückgekehrt an die Seite ihres gekreuzigten, überaus leidenden Sohnes, in sich versunken, einfach gekleidet, ärmlich aussehend. Auch Johannes, am Kreuz an der Seite Jesus, trägt teilweise löchrige Kleidung! Fetzen, Löcher und Flecken im Wams trugen Bauern, trugen die Bauern des 16. Jahrhunderts. Dürers Bauernbilder geben davon beredtes Zeugnis. Jesus ein Armer, Johannes ein Armer, Maria ärmlich, Armer wie Bauer, Bauer wie Armer. Radikaler als Mathis hat noch nie vorher ein Künstler, ein Maler, Jesus direkt in die aktuelle Zeit gestellt, in die deutsche Landschaft eingefügt, in die kommende revolutionäre Bewegung des Bauernkrieges vorgereiht. Walter Karl Zülch identifizierte Johannes in seiner grandiosen Studie über den historischen Mathis als fränkischen Bauer, mit entschlossenen Gesichtszügen zu Zukünftigem bereit. Johannes wird mit diesem Gesichtsbezug zum Fränkischen, zum kommenden fränkisch Aufständischen, zum personalisierten Aufstandsbotschafter. Wohl 1523 oder auch bis kurz vor dem Bauernkrieg gemalt zeigen die Tauberbischofsheimer Tafeln vom revolutionären Up-To-Date-Seins Matthias Grünewalds. Seltener als Mathis hat ein Künstler die Zeichen seiner Zeit auf eine Leinwand gemalt!

Joris-Karl Huysmans, der als einer der ersten - in seinem Roman La-Bas (Tief unten) - die ihn nahezu schockierende Wirkung der Grünewaldschen Kreuzigung schilderte, hat auch wie kein anderer, als Franzose wohl forciert, erkannt, daß Grünewald in der Tauberbischofsheimer Kreuzigung nicht biblische Personen, fremdländische Gewänder, ferne Landschaften, sondern deutsche Gegenwart des 16. Jahrhunderts auf die Leinwand farblich wirksam malte. Grünewald der malerische Zeitgenosse, im Pulsschlag einer Aufruhr schwangeren Zeit, in Wunsch nach einer grundlegenden Reformation, in der intellektuell-künstlerischen vorausschauenden Solidarität mit der bäuerlichen Schicht. Der brutale Realismus, der das Entsetzen und die qualvolle Peinigung detailreich wiedergebende Naturalismus Grünewalds bei der Tauberbischofsheimer Darstellung Jesus am Kreuz wirft die Fragen nach dem Warum auf. Die zu deutenden Zeichen der Tauberbischofsheimer Tafeln öffnen den Blick auf die zur Zeit von Mathis aufbrechende Gegenwart, auf die aufkommende Hoffnungsbewegung des 16. Jahrhunderts. Der Bauernkrieg, die frühbürgerliche Revolution, die evangelische Reformation, klopfen mächtig an. Die Tauberbischofsheimer Tafeln Grünewalds sind der gewaltige, lautstarke Paukenschlag einer sich bereits im Untergrund formierenden Aufstandsbewegung. Die Leiden Jesus sind die Leiden der Bauern! Sie sind als eine der letzten von Grünewald gemalten Bilder auch Zeugnis seiner persönlichen Integrität und Überzeugung, einer der sich auch durch den Dienst als Hofmaler beim mächtigsten deutschen Kirchenfürsten, nicht verbiegen ließ, nicht die Augen vor der bedrückten Wirklichkeit des bäuerlichen Standes verschloß.

Zwar ist heutzutage nichts urkundlich Belegtes über Aktivitäten von Mathis im Bauernkrieg zu finden, aber der Meister Maler war nicht blind, vor allem nicht zeit- und regionsfremd! Er war nicht nur am richtigen Platz in seiner Zeit als Bilder zeichnender Vorschein einer kommenden Reformation, er war auch aufgeschlossen zum Raum, zur Region, in der er sich befand. Man muß Grünewald in seiner Zeit und in seiner Region, die war um 1525 der fränkische Oberstift von Kurmainz, sich vergegenwärtigen, um ihn zu verstehen, deuten zu können. In dem 1528 erstellten Inventar seines Frankfurter Nachlaßes sind deutlichste Belege zu finden: „27 predeg Lutters ingebunden“, „1 cleyn buchelgin ingebunden, erclerung der 12 artikeln des christlichen glaubens“, „1 rol uff eyn geburgen der uffror halben“, also 27 Lutherpredigten, gebunden, 1 Erklärung der 12 Artikel der Bauern, gebunden in einem kleinen Format, eine Urkunde über den Bauernaufstand. Seligenstadt, in dem Mathis seine Werkstatt hatte, über den 9-Städte-Bund mit Tauberbischofsheim damals verbunden, war ein Brennpunkt des bäuerlich-bürgerlichen Aufstandes am Untermain. Selbst wenn über Mathis keine Dokumente der direkten Beteiligung am Aufstand vorliegen, er gehörte zu den intellektuellen, künstlerischen Wegbereitern. Und nicht umsonst wird er sich vor der Ankunft von Erzbischof Albrecht in Aschaffenburg davon gemacht haben. Von der Forschung kaum beachtet, wohl nicht verstanden, ist die Beschreibung im Inventar: „2 lid an eyn taffel sin wiß bereidt und uff dem einen 1 crucifix, Maria und Sant Johannes“, also zwei Altarflügel, auf dem einen ein Kreuz, sowie Maria und Johannes: Die Tauberbischofsheimer Kreuzigung mit Maria und Johannes auf dem Bild und die zweite Tafel die Kreuztragung!

Die Tauberbischofsheimer Kreuztragung verläßt die künstlerische Tradition in Grünewalds Zeit radikal. Neues, noch nie vorher Gesehenes tritt in diesem sorgfältig komponierten, konzipierten Bild auf. Die Renaissance artige Hintergrundarchitektur steht nicht in Jerusalem, sondern bringt Rom als Sitz des Papstes aufs Bild. Die Inschrift aus Esaias 53, also Jesaias 53, „Er ist umb unser sund willen gesclagen“, trägt eine wichtige Interpretationsgrundlage der Komposition direkt auf dem Gebäude des Laterankomplexes, der Kathedrale Romes, wie Maria Lanckoronska in ihrer Studie zu Mathis entziffert. Passend dazu ist die Bekleidung vieler der Schergen mit nahezu purpurroten Farbmischungen, also der Farbe der römischen Macht, versehen. Einer der Schergen ist mit einem einer Mozetta ähnlichen Schulterkragen ausgestattet, dem Kleidungsstück höherer katholischer Geistlicher. Am linken Rand, auf einem Pferd sitzend, identifiziert Lanckoronska eine Gesichtskarikatur von Papst Leo X., anhand der kurzsichtigen Augen und der hervorspringenden Unterlippe erkennbar. Jesus wird also in Rom geschlagen, vor der päpstlichen Kirche, von päpstlichen Helfern!

Die Tauberbischofsheimer Kreuztragung ein reformiertes Passionsbild, das vom bisher unbekannten Auftraggeber als Bildprogramm mit Grünewald übereinstimmend, konzipiert wurde? Lanckoronska und Arndt/Moeller neigen zu dieser Auffassung! „In jener bibelstarken Epoche der Wende des 15. zum 16. Jahrhundert bedeutete bereits die Wahl einer Stelle aus dem Propheten Jesaias, der in einer Zeit religiösen Sittenverfalls lebte, eine Parallele zur Gegenwart. Wie Jesaias gegen die religiös-sittliche Entartung seiner Zeitgenossen predigte, so will auch der Auftraggeber der Tafel, ein lutherischer Geistlicher, durch diese seinen Unwillen über die Sündhaftigkeit der Umwelt und ihre Verspottung Gottes zum Ausdruck bringen.“ Auch Arndt/Moeller zielen in die Richtung, daß die Kreuztragung als reformiertes Bildprogramm konzipiert wurde und auch dass das Neue dieses Bildes ausmacht. „Dem von Luther eingeforderten gereinigten, keineswegs ja grundlegend neuen Verständnis des Leidens Christi entspricht die von Mathis Gothart komponierte Szene sowohl in dem, was sie zeigt, als auch in dem, was sie eben nicht zeigt! Die Kreuztragung steht uns in einer Umformung vor Augen, die mit der Konzentration auf die schlagenden Schergen das Jesaja-Wort vergegenwärtigt und zugleich alle in der Tradition selbstverständlich gewordenen, die Einfühlung der Gläubigen stimulierenden 'compassio'-Motive konsequent ausschließt. Man darf also festhalten: In kaum zu leugnender Parallele zu dem Sermon von 1519 muss es dem unbekannten Auftraggeber der Tauberbischofsheimer Tafel – und im Einklang mit ihm dem Maler – darauf angekommen sein, ein „reformiertes“ Passionsbild zu konzipieren.“ Inschrift und Bildkomposition passen also zusammen.

Ebenso sind beide Bilder, Kreuztragung und Kreuzigung, als reformierte Einheit ansehbar, als Vorklang zum Bauernkrieg, der als frühbürgerliche Revolution eine christliche Reformation errichten wollte. Der Tauberbischofsheimer Bürgermeister Aichhorn legte nach der Niederschlagung des Bauernkrieges, an dem sich Tauberbischofsheim führend im kurmainzischen 9 Städte Bund im Oberstift beteiligt hatte, einen Rechenschaftsbericht vor, daß es die Absicht der Tauberbischofsheimer war „das heilig wort gotts und ein christlich reformation helffen uffrichten und handthaben“. Arndt/Moeller spekulieren, dass auch Bürgermeister Aichhorn Stifter des Werkes hätte sein können. Die Tauberbischofsheimer Christliche Reformation, die beiden Tauberbischofsheimer Tafeln Kreuztragung und Kreuzigung hätten damit einen weitaus größeren Zusammenhang als bisher bekannt. Der 9-Städte-Bund im kurmainzischen Oberstift als reformatorische Bewegung schon vor dem Bauernkrieg?

Waren im Frankfurter Inventar die beiden Tauberbischofsheimer Tafeln gemeint, dann wären diese erst nach 1528 nach Tauberbischofsheim gekommen, wohl in einer Zeit nach dem Bauernkrieg, in der die Reformation Tauberbischofsheim allerdings nur kurzfristig wieder erreichte. Mit der Niederlage im Bauernkrieg ist es in Tauberbischofsheim nicht zu Bilderstürmen gekommen, obwohl ab 1550 die Reformation wieder diese Kleinstadt tangierte. Der Tauberbischofsheimer Pfarrer Paulus Jörg gedachte sich zu verheiraten. Die Grünewaldschen Bilder haben in der Tauberbischofsheimer Kirche im stillen Winkel einer Seitenkapelle die Jahrhunderte überdauert, wenig beachtet, bis sie von einer wenig an ihnen interessierten altgläubig katholischen Geistlichkeit und dem Stiftungsrat 2 mal verschachert wurden und so in die Karlsruhe Kunsthalle kamen. Ein später Sieg des Tauberbischofsheimer Katholizismus über Grünewald? Tauberbischofsheims größter Schatz wurde zum größten Verlust innerhalb der vielen historischen Verluste, die diese Kleinstadt an der Tauber meistens sich selbst verursachte. Leider verhinderte kein zweiter „Zugelder“, der dem Abriß des Türmerturmes mit einem entschiedenen Einsatz entgegenwirkte, die Verschacherung der beiden Bilder.

Der aus Gissigheim stammende Schriftsteller Wilhelm Weigand, der 1889 in seinem Erstlingswerk „Die Frankenthaler“ Tauberbischofsheim und seine Lebenswelt als Vorbild nahm, porträtierte und charakterisierte, ließ am im Städtchen zu dieser Zeit herrschendem klein- und spießbürgerlichen Kleinstadtgeist wenig Vorteilhaftes übrig: „Alles, ohne Unterschied der Person oder des Standes, lebte gedankenlos von der Hand in den Mund. Die großen Streitfragen und Probleme, über die sich draußen Parteien und Stände heiser redeten, sowie die gewinnbringenden Verkehrswege berührten längst den Ort nicht mehr, und die Gewerbetreibenden, samt den Stadtbauern, die mit den gleichen Augen wie ihre friedlichen Ochsen durch die Tore zogen, hatten Mühe genug sich auf den Beinen zu halten, und waren, aus purer Angstmeierei, jeder fruchtbaren Neuerung von Grund aus abgeneigt. Ja, sie betrachteten Männer wie ihn, der die Welt und den die Welt gesehen, mit blöden, mißtrauischen Maulwurfsaugen.“ Weigand listet noch ganze Batterien der Bildhaftigkeit auf, um Tauberbischofsheim und die Bischemer um 1900 auszumalen: „Mostschädel“, „Häfelesgucker“, „Duckmäuser“, “Weinspießer”, „Weinsumpf“, „behäbige Kleinstadt“, „gottverlassenes Heuchlernest“ usw.  Das paßt durchaus zu einem altväterlichen Milieu, das Bilder von besonderer Güte und Klasse, die dem katholischen Betrachter wie ein Stachel schmerzen, kurz nach der Wiederentdeckung aus dem stark begrenzten Kirchturmshorizont hinausbeförderte.

 

 

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