Riemenschneider

THEATER
TILMAN RIEMENSCHNEIDER

 

Meister Til

TILMAN RIEMENSCHNEIDER – Ein Spiel aus seiner Zeit. So heißt das Theaterstück, das zum 450. Todestag von Riemenschneider auf der Festung Marienberg aufgeführt wurde. Autor: Joachim Tettenborn.

Riemenschneider-Festspiele in Würzburg – Wie geht diese konservative Stadt mit ihrer Geschichte um?

Diese Frage beschäftigte mich, als ich mich entschloss, das Stück trotz der hohen Festspielpreise anzuschauen. Die echte Kulisse der Marienburg, in deren Innenhof eine Bühne für 1000 Besucher um den Brunnen (ehemalige Pferdetränke) aufgebaut war, gibt diesem Stück viel an Zeiteindrücken zurück. Die Bühne ist im Dreieck angelegt: Die Werkstatt von Tilman, der Thron des Bischofs und der Turm der Stadtmauer. In diesem Spannungsdreieck arbeitet das Stück.

Es beginnt mit dem fröhlichen Einzug des Volkes, das die Bühne erobert. Die Repräsentanten nehmen die Plätze ein, das Volk tanzt. Aber aus den fröhlichen Reihen heraus treten Forderungen. Vorgetragen von Bauern, in der direkten Gegenrede von einem Vertreter der Herrschaft mit den bekannten Argumenten und Drohungen widerlegt. So stehen die 12 Artikel im Spiel der Zeit, einer unruhigen Zeit, die den Bischof veranläßt, Riemenschneider zu sich zu rufen, um ihn zu warnen und seine Ergebenheit zu prüfen.

Doch Riemenschneider ist bereits auf der Höhe der Zeit: „Ich habe mich einer Sache zugewandt, die nicht deine Sache ist, Bischof, und auch wohl nicht sein kann – ich habe mich zugewendet zu den Bauern.“ Dieses Bekenntnis fällt, als der Bischof von der Bühne abtritt.

Tilman spürt, dass die Zeit in Bewegung geraten ist und „keiner mehr in der Mitte stehen bleiben kann“. „Die Stunde hat keine Gnade“ – „Die Zeiten sind ver-rückt geworden“.

Die Nachricht des Bauernkrieges kommt in die Stadt Würzburg. Sie wird durch zwei symbolische Nachrichtenverkäufer unter das Publikum gebracht. Der Bauernkrieg in Schlagzeilen, die Forderungen als Flugblatt. Die Gerüchte in der Stadt treiben dem Höhepunkt zu. Bermeter, ein Gaukler und Geschichtenerzähler bringt die 7000-Einwohner-Stadt Würzburg in Aufregung. Der Bischof soll gegen die Stadt rüsten, Geschütze in Stellung gebracht haben, um sie zu beschießen, Reiter rekrutiert haben, um zu verhindern, dass die Tore für die Bauern geöffnet werden.

Riemenschneider, einflussreicher Stadtrat und Ex-Bürgermeister (1520/21) plädiert für die Öffnung der Tore. Würzburg verbindet sich mit den Bauern und wird zum Lager. „Würzburg ist der Schlüssel in die Zukunft“ – die Festung Marienberg (damals Unser Frauenberg) entscheidet über Sieg und Niederlage des fränkischen Bauernkrieges.

Während dieser turbulenten Zeit- und Scenenfolge geht Tilman an seine Arbeit und problematisiert seine Parteinnahme. „Neben den Weg springen, um ihn besser sehen zu können“ lautet seine Parole. Seine Frau versucht ihn davon abzubringen, sie verkörpert das weibliche Realitätsprinzip – eine häufige Rollenfixierung. Politik ist Verführung und führt ins große Feuer. Wer klug ist, hält sich zurück und steht damit immer auf der Seite des Siegers. Jubler braucht jeder, der Oben ist.

Diesem Einschub über die Zweifel des richtigen Weges folgt eine Scene, die die eigentlichen Verhältnisse enthüllt: „Meine Damen und Herren! Es folgt nun eine Scene, die es im geschichtlichen Ablauf des Geschehens nie gegeben hat, die es aber hätte geben können – oder – besser noch, die es hätte geben sollen.“

Kaiser Karl V. verhandelt mit Fugger über die Bewaffnung eines Bundesheeres gegen die aufständischen Bauern. Dieses Gespräch ist aber kein Dialog, sondern auch Riemenschneider ist dabei und vertritt die Sache der Bauern, ihre Utopie eines Reiches mit zentralem Recht und zentraler Macht gegenüber der Willkür der Kleinfürsten und Bischöfe. Diese Utopie scheitert an der Machtschwäche des Kaisers, der Zentralgewalt. „Wir alle sind Gefangene der Macht“ – „Da müssen die Armen den Reichen helfen“ – „Das Land ist voller Schwärmer, Phantasten und Träumer.“ Fugger: „Wir leben von der Sicherheit in der Welt“.

Der Spuk ist vorbei. Rot leuchtet die Burg auf: Rot von Blut, rot wie die verglühte Hoffnung. Das Licht weicht und macht dem Rauch Platz. Schall und Rauch. Die Straßen lärmen von den neuen und alten Herren. Auf dem Markt wird gerichtet – nach der alten Richtung die Köpfe gedreht oder von den Hälsen gefällt. Der Krieg gegen die Bauern und Städter beginnt.

Riemenschneider wird gefangen genommen und der Folter der Ungewissheit überlassen. Gerüchte bestimmen die Welt des Gefangenenlagers.

Durchbrochen wird diese Situation durch eine Vorladung vor den Bischof. Das Gespräch wiederholt sich. Die Erinnerung an die Anfangsscene wird deutlich: Nur sind nun die Fronten klar, die Geschichte ist gemacht.

Was übrig bleibt ist das makabre Spiel der Realität: der Bischof und Till spielen Schach, ein Spiel mit „Bauern und Königen“. Lebendige Figuren werden auf der Bühne umhergeschoben. Wie Schachfiguren bewegen sie sich auf der Lebensbühne. Die grausame Partie wir triumphal zu Ende gespielt. Der Bischof gewinnt im Leben, aber das Schachspiel bleibt unvollendet: „Noch zwei Züge und er hätte mich matt gesetzt.“ Die Befreiung zum Leben hin hat nicht stattgefunden.

Riemenschneider wird gefoltert – „Nun bin ich Stückwerk für immer“. Til liegt auf einer Streckbank und unter den Schmerzen verdunkelt sich die Welt.

Das Ende bleibt offen – es bleiben Wege zum Hoffen.

Tilman Riemenschneider, ein wirkliches Spiel aus seiner Zeit. Keine jener rechtfertigenden Verstrickungs-Geschichts(ver)fälschungen, die Tilman als Opfer politischer Tragik sehen, der in die Wirren des Bauernkrieges hineingerissen wurde. Hier wird nicht verstrickt, sondern der rote Faden aufgezeigt, den sicheren Rückweg zur Geschichte. Hier springt etwas von dem ins Leben, was in den Gesichtern der Schnitzfiguren steckt: „Wenn sich keiner mehr einmischt, dann blieben wir stehen und die Welt verfault.“ (Meister Till)

Aus: Meister Til. In: TRAUM-A-LAND Nr. 21, Sept./Okt. 1981, Seite 21 - 22

 

 

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